Wissenschaft der Kommentare


Es ist mal wieder Zeit für eine steile These auf Was mit Denken: Ich behaupte, ein sehr zentraler Aspekt der westlichen Kultur ist ‘der Kommentar’. Und zwar wissenschaftsgeschichtlich, logisch und demokratiepraktisch sowieso. Ohne den Kommentar gäbe es die moderne Wissenschaft nicht. Ohne den Kommentar gibt es das Denken des einzelnen nicht. Ohne Kommentar wird es auch keine gesellschaftliche Entwicklung geben. In letzter Zeit wurde mir der Kommentar viel zu oft in die Schmuddelecke (Beispiel “Trollen“) gestellt oder gar als Gegenteil des Rationalen diffamiert: Es herrscht eine ekelige technokratische Stimmung in unseren Gesellschaften voller Eliten. Sie meinen, wir sollten die Ergebnisse von Experten, von Wahrheitsproduzenten kommentarlos hinnehmen. Etwas Aufklärung gefällig?

Keine moderne Wissenschaft ohne den Kommentar? Eine verdrängte Tatsache. WMD schenkt euch hier einen kleinen Exkurs in die Neubeginne des Forschens der frühen Moderne: die sog. Scholastik. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass es gerade die Religion mit ihrem Glauben an die Wahrhaftigkeit war, die das Forschen erst ermöglichte: Sich zu bilden, stand nicht im Widerspruch zur Theologie, da letztlich alles Wissen zu Gott als Begründung führe. In Klosterbibliotheken und später auch in Universitäten studierte man die alten Bücherbestände. Man suchte in den existierenden Texten die Antworten auf Fragen des Kirchenrechts oder der Theologie – so wie man es nun mal in der Bibelauslegung (auch “Exegese” genannt) gelernt hatte. Die zentrale wissenschaftliche Methode hierfür waren Kommentare: die sog. “Glossen”.

Sehr viel rücksichtsloser als in heutigen Online-Kommentarsystemen (außer vielleicht auf Soundcloud) wurden damals am Rand und sogar zwischen den Zeilen einzelne Begriffe ausgelegt, Aussagen bewertet und mit dem bestehenden Kanon einer Disziplin (es gab nur drei: Theologie, Kirchenrecht, Medizin) abgeglichen. In Zeiten der von Hand kopierten Bücher konnte dies bedeuten, dass manche Exemplare von mehreren Kommentatoren übersäht waren. Die Methode des Kommentars stand also am Anfang der Wiederentdeckung (bzw. Wiedergeburt “Renaissance”) auch kirchenfremder Quellen – besonders antiker griechischer Autoren wie z.B. Aristoteles.

Das neue Denken – das die Erforschung von Gottes Ordnung und Schöpfung auch außerhalb von Bibel und Papstdogmen zuließ – begann also mit einer Näherung durch Glossen. Diese waren – wir erleben dies heutzutage wieder – dem Autor des ursprünglichen Textes nicht unbedingt wohl gesonnen, nahmen ihn aber immerhin als mögliche Quelle von Wissen ernst. Eine Aneignung durch Kommentare bedeutete also einen wichtigen qualitativen Sprung in unserer ach so alten Wissensgesellschaft. Eine Relativierung päpstlicher Dogmen war die Folge und führte zur westlichen Neugeburt der Menschlichen Erfahrung als Maßstab, der Empirie, des Experiments – die unsere moderne Wissenschaft bis heute prägen.

Dies nur kurz zur Aufwertung einer Handlung, die jeder von uns im Netz regelmäßig vollzieht: dem altehrwürdigen Kommentar. Die moderne Wissenschaft hat seit der Renaissance zwar versucht, den menschlichen Faktor in dem produzierten Wissen – z.B. durch Experimentverdatung und Zahlen – zu reduzieren. Wir Kulturwissenschaftler werden jedoch weiterhin darin geschult, Texte gegeneinander abzuwägen, sie miteinander kommunizieren zu lassen (siehe “Intertextualitätsdebatte“) und durch Erfahrung und Logik persönliche Fort-Schritte zu gehen. Ich persönlich glaube, dass das Kommentieren eine wichtige Grundübung in der Entwicklung eines Forschers ist. Ich bin froh, dass unsere mediale Entwicklung diese Grundmethode wieder breiter erfordert und fördert. Also lasst uns alle Forscher werden! Und lasst uns auch alle forschen lassen, ihr Experten.

Wie immer nur ein Anstoß… und natürlich unvollständig.
Es grüßt der menschliche Faktor,
The Pi

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Ein Trackback

  1. Von Brauchen wir mehr Blogforschung? am 13. August 2012 um 12:03

    [...] wir selbst Aspekte des Lebens und kommentieren mit eigenen Perspektiven unsere Welt – wie mein WMD-Kollege bereits gefordert hat. Jede Geste der Neugierde ist [...]

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