Der letzte etwas zugespitzte Beitrag zu ‘Community Manager Typen‘ hat ein Nachdenken über Selbstverständnisse ja bereits angeregt. In unserer Welt voller Beruf-Egos fällt es manchmal schwer, die Perspektiven zu wechseln. Neue Felder wie ‘Social Media’ in der Unternehmenskommunikation werden da oft von Spezialisten dominiert, die tatsächlich glauben, sie könnten das Neue in ihre Sprache übersetzten oder gar in dieser verstehen. Für manche Erkenntnisse zum Thema brauchen sie Monate – inklusive mehrerer Bücher, Schulungen, Konferenzen, Meetings mit externen Beratern, ungläubigen Blogdiskussionen und konservativen Spezialisten-Kollegen in der Firma, die diesen Umdenk-Marathon noch vor sich haben. Man könnte auch einfach einen Generalisten oder Medien-Forscher fragen, wäre da nicht die Geschichte mit den Berufsegos. Warum leite ich diesen Beitrag auf diese Art ein? Ganz simple: Perspective matters.
Die Amerikanischen Social Media Apostel bedienen sich gerne einer religiösen Perspektive auf das Thema Social Media. Dort werden Bücher mit Erweckungsgeschichten geschrieben (“…und mir offenbarte sich die Allmacht der sozialen Medien”), Moses-Narrative bemüht (“Die 10 Regeln für soziale Medien.. Du sollst nicht…”), Gleichnisse in Stein gemeißelt (Best Practice Erzählungen) und Anekdoten von weisen Männern erfürchtig mündlich verbreitet (“Es war einmal Brian Solis…”). Diese Welterforschung ist mittelalterlich, auf Bekenntnisse (siehe Confessiones) gegründet und somit in den falschen Händen auch eher missionarisch als wissenschaftlich. Auch in Deutschland nennen sich die Social Media Experten inzwischen offen “Evangelisten”. Realsatire.
Die Social Media Berater – auf ihrer eigenen Zukunftsmission und mit viel Wissensdrang im Gepäck – sind mit ihrer Frömmigkeitsperspektive jedoch nicht allein. Die Unternehmen, die diese Jung-Evangelisten letztlich bezahlen, verhalten sich ungefähr so, wie der Papst in den Umbrüchen Ende des 16. Jahrhunderts. Neben eigenen Klöster-Bibliotheken erlaubte er externe, freie Universitäten als Forschungseinrichtungen, zwang diese jedoch inquisitatorisch, ihren Sinn für die Lobpreisung Gottes und dessen Vertreter auf Erden zu belegen. Jede Publikation musste von der Marke/ dem Unternehmen Vatikan genehmigt werden, alle Theorie auf die Machtinteressen des Papstes einzahlen. Community Manager kennen dieses Verhältnis zu ihren Unternehmenskunden. Sie würden zwischendurch gerne experimentieren, müssen aber vorher schon das Ergebnis kennen, um Schaden von der Marke abzuwenden. Spätestens bei der Absprache von Redaktionsplänen für die FB-Page muss alles in seiner Wirkung vorhersehbar und plausibel sein. Es herrscht eine ängstliche Atmosphäre der Schadensbegrenzung.
Auch wenn es hier manchmal den Anschein hat: Ich will ‘Social Media’ nicht als “Hype” diffamieren, sondern nur die Motivationen und Perspektiven der bisherigen professionellen Praxis verständlich machen. Man sollte dem Thema einfach unter dem Stern der Logik mal eine Chance geben: Welche Handlungen sind in sozialen Medien grundsätzlich vorstellbar? Welche Community-Interaktionen sind denkbar? Nicht im Interesse eines Unternehmens. Nicht im Interesse eines undifferenzierten Glaubens. Im Interesse der einfachen täglichen Arbeit mit Gesten. Die ‘Community Manager Typologie’ hat hier zwar schon einige Hinweise geliefert, blieb aber zu berufsspezifisch und bot keine Idee der Interaktion.
Mögliche Social Media Tätigkeiten und Gesten in Communities (Ausarbeitung folgt irgendwann)
-
Säubern
(Überwachen, Netiquette-Interventionen, Regeln plausibel machen, Trolljagen)
-
Anleiten
(Wegweisen, Step-by-Step, Problemlösen)
-
Moderieren
(Ausrichten, roten Faden führen, Vorlagen produzieren, Konflikt-Neutralität)
-
Kuratieren
(Unterhalten, Stil-Agenda, Fundstück-Recherche, Qualität)
-
Orientieren
(Community stimmen, Vorbilder liefern, allgemeine Standpunkte formulieren)
-
Diskutieren
(Provozieren, Polemisieren, persönlich involvieren)
-
Streicheln
(Bestätigen, jeden Beitrag unterstützen und ermutigen)
-
Seelsorge
(Beraten, Motivieren, Aufmerksamkeit schenken)
-
Verkuppeln
(Zusammenführen, Mitglieder aufeinander aufmerksam machen, Ähnlichkeiten finden)
-
Vernetzen
(Tummeln, Szene pflegen, gemeinsame Interessen finden, kooperieren)
-
Übersetzen
(Transferieren, Fundstücke neu deuten, Beiträge in neuem Licht bewerten)
-
Sammeln
(Kategorisieren, Listen, Wikis)
-
Informieren
(Nachrichten Aggregieren, Thematische Agenda, Neuigkeitswert)
-
Missionieren
(Verführen, Werben, Überzeugen)
-
Mobilisieren
(Agitieren, Terminieren, Moral- und Gewissensapelle)
-
Spammen
(Penetrieren, Mit Werbung und Affiliate-Links zumüllen, Quantität)
-
Spielen
(Kommunizieren, Flirten, Wortspiele, Sprüche)
Eine Community muss für diese Gesten natürlich keinen eigenen Raum oder Kanal haben, sondern kann nur locker organisiert sein. Vieles, was heutzutage bereits “Community” genannt wird, gleicht mit seinem Follower-Prinzip eher klassischen Email-Listen, die nebenbei zusätzliche Interaktionsmöglichkeiten besitzen (siehe Twitter, Blog-Feeds und FB-Fanpages). Die “Community” ist in dieser Hinsicht reine Fiktion/ Vision von regelmäßigen Teilhabern, Zuschauern und Zulesern. Über den Erfolg entscheiden die Qualitäten und Unterschiede im Handeln: Sie werden im Social Web und in den Communities – sei es nun die eigene oder eine flüchtige – sehr empfindlich wahrgenommen und entscheiden über den Erfolg. Welchen Stil pflegt Ihr? Welchen Gesten-Mix vollzieht ihr regelmäßig?
Ich hoffe, ihr konntet Euer Handeln wiederfinden.
wie immer ‘Work in Progress’,
es grüßt:
The Pi

Twittern
PS. Wem eine Tätigkeit fehlt: Die beruflichen Tätigkeiten haben ich absichtlich ausgespart. Stichwort “Perspektive”. Die destruktiven Gesten wurden von mir bereits in diesem Beitrag erörtert: “Online-Texte und rhetorische Gesten“. Konstruktive Ergänzungen in diesem exklusiven Sinne gerne in den Kommentaren.

Ein Trackback
[...] WMD Was mit Denken Zu Inhalt springen Manifest: Denken für alle!ImpressumKontaktAutorenThe PiFelipe Gonzo « Satire-Landschaften Social Media Tätigkeiten » [...]