Satire-Landschaften

Wie geht es eigentlich der Satire in unserem Land? Ich weiß es nicht. Dass Satire inzwischen in Museen ausgestellt wird, bedeutet zumindest nicht, dass sie völlig ausgestorben ist. Ich habe mich mal auf die Suche nach Satire-Seiten im Netz gemacht (siehe vorläufige Liste) und liefere gleich auch etwas zum Denken mit: WMD bleibt hier natürlich Programm!

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein gesundes Verhältnis zur Polemik habe. Jeder Teilnehmer einer Konfrontation kann sich der gleichen rhetorischen Mittel bedienen, und ‚Polemik’ und Schärfe werden dabei leider nicht nur guten Zwecken dienen. Diese Erkenntnis ändert aber nichts an der Existenz von Auseinandersetzungen in unseren Gesellschaften. Sie müssen geführt werden. Solange sich die Diskutanten trotz ihrer Härte um Problemlösung bemühen, erscheinen sie auch weiterhin nüchtern. Was bedeutet es dann, wenn wir ins Absurde abtreiben und persönlich werden müssen? Was bedeutet die Existenz von Satire?

Die schiere Möglichkeit, sich über die bestehenden Verhältnisse und ihre Akteure belustigen zu können, die Verletzlichkeit öffentlicher Personen, ungebrochene Tabus: Vielleicht sind “Satirelandschaften” ja ein Art Wasserstandsmelder für unsere Gesellschaften und ihre Widersprüche.

Die amerikanische Landschaft

Ein Blick ins Ausland ist immer recht aufschlussreich: Die Rechte in Amerika hat mit ihrem Medien-Flaggschiff Fox und Populisten wie Rush Limbaugh, Sarah Palin, Glenn Beck und der Teaparty-Bewegung eine offene Gehässigkeit in die amerikanische Öffentlichkeit getragen. Hier ist z.B. Obama mal Stalin, mal Hitler, mal Seniorenmörder und mal Moslem ohne amerikanische Staatsangehörigkeit. Jede faire Auseinandersetzung mit den Republikanern durch andere Medien wurde zur Farce.

Ausgerechnet dem Moderator einer News Satire (der „Daily Show“ mit John Stewart) konnten die US-Amerikaner in dieser Situation noch vertrauen: Er wurde in einer Umfrage 2009 tatsächlich zum „Most Trusted Newsman“ gewählt. Auch das einstige Studenten-Magazin „The Onion“ hat mit News Satire inzwischen neben Print und Website aufwändige Video-Produktionen, und der „Colbert Report“ nimmt direkt die rechten Scharfmacher aufs Korn, indem er diese in seiner Newsshow rechts überholt. Das Absurde folgt dem Wahnsinn nach… eine blühende Satirelandschaft im Sinne von Themenpotenzial und verschiedenen Formaten.

Die deutsche Situation

Auch wir in Deutschland haben unsere Satirelandschaft wieder. Ja: wieder. Denn die Deutschen waren seit Mitte des 19. Jahrhundert bereits recht umtriebig: Seien es die „Fliegenden Blätter“ (1845, München), “Kladderadatsch” (1848, Berlin), “Ulk” (1872, Berlin) oder “Simplicissimus” (1896, München): Sie alle waren auf dem Kriegsfuß mit ihrer widersprüchlichen Zeit. Einer Zeit, in der man für manche Äußerungen noch für 6 Monate ins Gefängnis kam. Nach der Gleichschaltung unter den Nazis blieben Gefängnisstrafen dann aus. Komisch. Ebenfalls komisch: Eine Zeit, in der von München aus Kultur Richtung Deutschland ausstrahlte. Der Schock der Gleichschaltung wirkt dort anscheinend nach… (und Nein: Pro7 zählt nicht als Avantgarde.)

Das obige amerikanische Beispiel zeigt uns außerdem, dass pure Gehässigkeit und Satire etwas unterschiedliches sein können. Satire ist kein ‘alberner, gehässiger Studentenhumor’, nur weil sie sich gegen Bestehendes richtet. Dieser Ansicht begegnet man in Deutschland noch recht häufig: Etablierte, Konservative und Journalisten sind sich da manchmal nicht ganz sicher, was Absurdität mit Ernst zu tun hat. Eine kritische Meinungsäußerung ist natürlich kein Kinderkram – egal wie kreativ sie ist. Aber ist eine Kultur der Absurdität nun ein Indikator für irgendetwas? Welches Biotop braucht Satire, um zu gedeihen?

Die Bedingungen

Zumindest braucht es ausgiebiges Themen-Material, das das allgemeine Bewusstsein schon erreicht hat: Man braucht Trittbretter, um mitfahren zu können, man braucht Westerwelle, die Atomindustrie oder EHEC in den Twittertrends ;) . Ohne diesen Öffentlichen Raum, der von Interessen, Ungleichheiten und Agenden durchzogen ist, würde Satire einfach in willkürliche Gehässigkeit umschlagen – so meine steile These. Vielleicht muss man neben der Satirelandschaft also auch eine Gehässigkeitslandschaft beobachten.

Material werden außerdem immer mehr der Nachrichtenstrom und Headlines an sich. Medien- und News-Satire macht Satirelandschaften “performativer”. Sie mischt sich sogar inzwischen als „Shitstorm“ in aktuelle Entwicklungen ein und verlässt damit den Bereich des reinen nachträglichen Kommentars. In einem Shitstorm wird wohl ein Opfer erst kritisch-satirisch legitimiert und dann von Gehässigkeit überschwemmt. Die ‚Satirelandschaft’ ist heute also nicht nur eine Frage des thematischen Potenzials und der eigentlichen Veröffentlichung, sondern manchmal auch einer eloquenten Mobilisierung von öffentlichem Hass. Die Gehässigkeit ist jedoch nicht Anlass, Begründung und die eigentliche Möglichkeit der Satire: Hier liegt meiner Meinung nach die Verwechslungsgefahr. Hass führt immer zu Gehässigkiet. Satire kann in Hass münden, ist aber nicht dessen Ergebnis.

Deutsche Online Satire

Viele private Satire-Versuche überleben trotz meiner These einer “blühenden Landschaft” nicht lange. Ob dies nun am fehlenden Themen-Material, mangelndem Talent oder an der dürftigen Mobilisierung und wenig Feedback liegt, weiß ich nicht. Manchem Anfänger fehlt wohl der lange Atem. Mir zum Beispiel: Auch mein persönliches Satire-Experiment hat 34 Artikel nicht überschritten und wird deshalb hier gar nicht erst gelistet.

Vorläufige Liste von Online-Satire ohne die öffentlich-rechtlichen Formate:

Allen voran der historische Simplicissimus in einer tollen Online-Dokumentation. Immerhin hat sich dort einst die deutsche Intelligenz versammelt (z.B. Hermann Hesse, Thomas Mann, George Grosz, Käthe Kollwitz, Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky, Hugo von Hofmannsthal, Heinrich Mann und Erich Kästner und all die Vergessenen, Getöteten, uns Unbekannten). Alle Ausgaben als PDF zu haben. Außerdem und natürlich unvollständig:

Titanic Magazin (Frankfurt)
Eulenspiegel (Berlin)
Der Postillon (Hamburg)
Der Kojote (Berlin)
Raketa (Wien)
Paramantus
Satire Lupe (Schweiz)
Fischfresse (Hattingen)
Einhornnews (Halle)
Wellmann
Grillratte
Satire-Clips (Frankfurt)
Satireministerium
Klabusterbeere (Köln)
Helgoländer Vorbote (Bochum)
Schandmännchen (Düsseldorf)
Sumpfnoodle (Schweiz)
Neue Havanna Zeitung (Fürth)
Der Satiredienst (Hamburg)
Moderne21 (Berlin)
D’Zwible (Schweiz)
SPAM (Spiegel)
Glasauge (Welt)
Narragonien (Hannover, aufgegeben)
Darvins Illustrierte (Jena)

Ehemalige Satireseiten von denen ich gehört habe, waren Attacke, Firefuckerz, IMHO, Kampfratte, Kappes, Prügel, Spalter, ZYN!, Witzbold, Pardon Magazin und iTalien. Wer sich übergangen fühlt, darf gerne in den Kommentaren ergänzen!

Es gäbe noch viel zu berichten zur Satire. Zu den Widersprüchen in manchen muslimischen Ländern und den Mohamed-Karrikaturen. Oder zu dem Unterschied zwischen der Horazischen Satire und der Juvenalen Satire (Juvenal: „Brot und Spiele“). Oder dass der Begriff „Diatribe“, der bei den Kynikern noch eine populäre, unterhaltsame an das gemeine Publikum gerichtete moralphilosophische Rede war, im Neugriechischen heute „Dissertation“ bedeutet. Oder zur medienrechtlichen Situation und was man in Deutschland überhaupt darf. Aber hier reicht es in diesem viel zu langen Text nur zu einer Liste deutscher Satire-Seiten im Netz… :)

Ich konnte mit diesem Posting nur scheitern.. aber denkt selbst!
Es grüßt,
Felipe

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Ein Trackback

  1. Von Fazit der Satireforschung « Machthumor am 13. Dezember 2011 um 23:55

    [...] Hier eine kleine Liste meiner persönlichen Lieblinge. Andere Online-Satire findet ihr hier auf WMD. [...]

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