Public Relations Adopter first


Früher, ja früher, da gab es noch Visionäre. Menschen, die ihrer Welt voraus waren, die Trends frühzeitig erkannten und mit viel Risiko auf die richtigen Pferde setzten. Möglicherweise waren die Herren und Damen Visionäre zu ihrer Zeit jedoch einfach nur schlecht vernetzt. So zumindest muss man die heutige Startupszene und ihre Erfolgsmechanismen deuten. Besonders bei Technologie-Startups entscheidet heutzutage eine gute Vernetzung mit prominenten Erstanwendern über das Gelingen des Unternehmens. Aber wer ist eigentlich heutzutage „First Adopter“ bzw. “Early Adopter”?

Früher hätten wir diese Frage wohl intuitiv mit ‚Nerds’, ‚Geeks’ oder abfällig ‚Freaks’ beantwortet. Menschen mit einem normalitätsfernen Hang zu neuen technischen Entwicklungen, von denen noch niemand weiß, was das eigentlich soll. Doch dies hat sich geändert. Seit klar ist, dass z.B. Soziale Netzwerke kein Hobby einer Minderheit und die Internet-Unternehmen nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes keine Eintagsfliegen mehr sind, ist man aufgesprungen auf den „Freak-Zug“.

Besonders die Kommunikationsbranche nimmt nun jede kleinste technische Entwicklung und jedes noch so kleine neue Unternehmen unter dem Vorbehalt einer möglichen tektonischen Erdplattenverschiebung wahr. PR- und Werbe-Agenturen sind hier zu zwanghaften Visionären geworden, die jede neue Internet-Entwicklung umarmen. Vielleicht ist es das Facebook- und Twitter-Trauma, dass die Kommunikationsprofis umtreibt: Eine Demokratisierung der Veröffentlichten Meinung, die sie bisher nicht zur genüge verstanden und damals klar verpennt haben. Nun hat nicht nur jede Agentur, sondern auch jeder ihrer Mitarbeiter ein eigenes Blog, eine eigene Facebook-Präsenz, Twitter-Accounts, etc.. Und sie sind alle extrem gut vernetzt. Meist sogar viel besser als die Zielgruppe, die sie mit ihren Social Media Aktivitäten erreichen wollen. Was bedeutet diese Entwicklung für Internet-Startups?

Zunächst bedeutet dies, dass die Stricknadeln der innovativen Netz-Entwicklungen nicht mehr unbedingt die Nerds und Blogger sind. Effektiv sind PRler die Blogger von Morgen – die mit Agenturmenschen aufgeblähte „Re:publica 11“-Konferenz war hier z.B. ein Symptom. Sie dominieren selber als Personen die Trends und Meinungen im innovativen Netz. Wollten sie früher die bestehenden Verbreitungsinstanzen wie Fernsehen, Zeitungen, Plakatwände und Internetmeinungen in sozialen Netzwerken, Blogs und Foren dominieren, so sind sie nun selbst die Multiplikatoren. Absurderweise sind sie nun selbst das Objekt ihrer Bemühungen. Die Schlange beißt sich selbst in den Schwanz. Soll ich noch mal “selbst” schreiben, damit es deutlicher wird? Wiederholungen sollen ja bekanntlich helfen…

Es ist kein Wunder, dass die Launch-Strategien neuer Internetunternehmungen auch gar nicht mehr auf die Allgemeinheit zielen. Viele Dienste, die auf dem Vernetzungsprinzip und Communities basieren, sprechen zu Beginn nur noch die Crème de la Crème der Netzwerkgesellschaft an. Ich persönlich habe dies das erste Mal bei Gmail erlebt: ohne eine Einladung war zu Beginn nichts möglich. Nach gleichem Prinzip haben z.B. auch Quora und Googleplus ihre Dienste gestartet. Nur wer gut vernetzt ist, kommt als First Adopter für Unternehmen in Frage. Wer die Googleplus-Einführung auf Twitter mitbekommen hat, weiß den Begriff „Schwarmintelligenz“ neu zu deuten: Alle Professionellen wollten sofort dabei sein, wollten diesen Trend nicht verpennen. Googleplus ist hierdurch innerhalb von einigen Stunden das neue Xing geworden und enthält nun schlicht Businesskontakte mit Klarnamen.

Diesen unreflektierten Wellen zum Trotz, halten sich die Kommunikationsprofis immer noch für die Handelnden, die ein Produkt ja nur ausprobieren. Du, ja genau Du lieber Leser, leugnest, dass Du Objekt einer Kampagne bist, denn das sind grundsätzlich nur die anderen. Weiterhin behauptet die Szene ihre Urteilskraft. Sie glaubt durch ihre optimale Vernetzung, ihr Firstadoptertum, ihre Teilhabe am Hype, dass ihre hierarchische Stellung mit ihrer Intelligenz zusammenhängt. Die Szene glaubt nicht nur, dass ihre Ansichten Macht haben, sondern auch Wahrheit sind. Für sie war die ‚ideale Wahrheit’ berufsbedingt immer schon eine binäre Operation aus Zustimmung oder Ablehnung. Ihre Profession versucht seit je her über Statistiken und Monitoring, das Soziale als solche Wahrheit sichtbar zu machen. Sie dürsten nach klaren Aussagen der Opfer ihrer Kampagnen; sie wollen, dass die öde differenzierte Meinung einer Person gegenüber einer Marke ein totales, bedingungsloses Ja wird. Eine Produktgeilheit, die sie selbst (wieder ein Beispiel für die Kommunikationsbranche als Zielgruppe) längst am Beispiel der Marke Apple für sich durchexerzieren.

Warum diese langen Erklärungen? Es musste ja mal sein. :) Außerdem habe ich ein aktuelles Fundstück, in dem sich all diese Ausführungen kristallisieren: Das neue Berliner Startup „Amen“ bringt nach allen oben beschriebenen Regeln der Kunst eine App auf den Markt, die absolute Meinungen produzieren soll. In der App kann man Behauptungen formulieren, die grundsätzlich einen Superlativ beinhalten müssen. Zum Beispiel kann der Satz „Total affirmation is the worst attitude ever.“ von einem Nutzer eingestellt werden und von anderen Nutzern mit einem „Amen“ abgesegnet werden. Ein Prinzip, das einfach perfekt auf die Zielgruppe der internationalen Visionär-Evangelisten-PR-Elite zugeschnitten ist. Und nun ratet mal, wer First Adopter dieser Innovation ist und Einladungen erhalten hat? Hier schließt sich der Kreis: Wer gut vernetzt ist, dessen Meinung zählt.

Social Media Breakthrough: Das Hinterteil von Demi Moore auf Twitter. Amen.

Einer der Investoren ist übrigens Ashton Kutcher, der schon mal Vorworte für Social Media Marketing Bücher schreiben durfte, weil er einst ein Foto des Hinterteils seiner Freundin Demi Moore getwittert hat. Inzwischen eine Ikone der Branche. Ihr seid mir Experten… (wenn Ihr denn eine Einladung für Amen erhalten habt ;) )

Es grüßt in die Runde:
The Pi

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PS.: Ich hoffe, es wurde kein Pferd auf eurem Ponyhof verletzt…
PSS.: Und danke, Felipe, für das gute Gespräch.

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