Ein Großteil des Internets besteht immer noch aus Text. Obwohl es im Social Web so viele Bilder zu posten, Videos zu teilen und Musik zu verbreiten gibt, bleibt Schrift weiterhin die praktischte Art, miteinander zu kommunizieren. Ist es da nicht erstaunlich, dass es keine Systematik für diese textlichen Auseinandersetzungen im Web gibt?
Natürlich gibt es jetzt verschiedene Lager, die mir vehement widersprechen würden und denen ich mit dieser Aussage auf den Schlips trete. Aber was gibt unser Anwendungswissen bisher her? Ja: es gibt von der formellen Seite her die Textarten, wie sie Notare und Journalisten kennen: Vertrag, Reportage, Kommentar. Ja: Es gibt in der Wissenschaft die grundsätzliche Erkenntnis, dass wir ohne Sprache nicht denken können (linguistic turn). Auch gibt es reife Überlegungen, die die Bedeutung eines Textes letztlich völlig beim Leser suchen (Cultural Studies). Und natürlich: es gibt die Rhetorik, die die Kunst der Über-Redung bis ca. ins 5. Jahrhundert vor Christus zurückverfolgt. Diese Bemühungen in allen Ehren: Die Kunst der Über-Schreibung bleibt in einer Theorie für die Praxis bis heute unterentwickelt. Ein Großteil unseres Textwissens bezieht sich lediglich auf relativ unperformative Offline-Texte. (Das nur als kleiner Abschnitt für Geisteswissenschaften-Nerds – sollten die hier mitlesen.)
Knapp gesagt: alle möglichen Positionen, die jemand z.B. auf Twitter oder in Blogs einnehmen kann, sollten untersucht werden. Mit ‚für die Praxis’ meine ich eine Theorie, die die heutigen neuen Kommunikationsformen auch berücksichtigt und die Praxis auch mit einer „Taxis“ unterfüttert. Lange Rede kurzer Sinn: Das erwartet Euch in diesem Posting nicht.
Vielleicht gibt es irgendwann das Buch zum Posting…
Ich will hier bestehende verbale und textliche Formen sammeln, die in ihren feinen Unterschieden vielleicht das Denken etwas öffnen. Da ich Online-Texte eigentlich lieber als rhetorische Gesten betrachte, sind alle aufgeführten Formen nicht im Sinne einer Herstellung nach Definition und Anleitung zu verstehen, sondern als mögliche Haltungen und Figuren in einer Online-Auseinandersetzung.
Eins noch vor weg: Dies ist „work in progress“! Für Klugscheißerei gibt es sicherlich auch was von Ratiofarm oder Euer Offline-Tagebuch.
Einige Gesten – exklusive Lobreden (Laudatio, Hymnus, etc.) und Strategien (Logos, Ethos, Pathos):
Philippika
Eine Schmährede, die sich einer Person widmet, die man als Gefahr für die eigene Kultur und Zivilisation ansieht. Um zu überzeugen, werden die eigenen Beweggründe nachvollziehbar gemacht. Der Schreiber oder Redner verbindet in einer Philippika durch seine unversöhnliche Art auch sein eigenes Schicksal mit der Vernichtung des Geschmähten.
Pamphlet
Eine Textgeste, die einen Standpunkt in einer politischen oder philosophischen Angelegenheit auch dadurch verteidigt, dass sie sich über Gegenspieler belustigt. Nicht neue Aspekte und Argumente, sondern gerade die Veröffentlichung lächerlicher Darstellungen ist Sinn des Pamphlets.
Polemik
Diese Geste braucht nicht zwingend einen eigenen Standpunkt: Sie arbeitet sich an anderen Positionen ab. Thema dieser harschen Kritik ist neben der sachlichen Ebene auch die Persönlichkeit der Gegenspieler und ihr Milieu. Trotz Übertreibung und Beleidigung bleibt eine Polemik als erkenntnisleitende Zuspitzung der eigentlichen Diskussion weiterhin verpflichtet.
Pasquill
Schmähverse auf einzelne Personen oder zu politischen Themen, die anonym veröffentlicht werden. Die Herabwürdigungen auf Papier wurden in Rom unter einer bestimmten Statue befestigt; die jeweiligen Antworten unter einer anderen. Die Erwiderungen dieser Textgesten pflegten also Anonymität und unabhängige Inszenierungsorte.
Rant
Sich agressiv über ein Thema oder eine Person „auskotzen“ und dabei auch absurde beleidigende Vergleiche und Mutmaßungen in Kauf nehmen, die sich einer sachlichen Diskussion verweigern. Diese Geste ist kein Kommunikationsangebot, sondern versteht sich als wortgewaltige Vernichtung anderer Teilnehmer einer Diskussion.
Diss
Von dem englischen Wort „disrespekt“ abgeleitet. Ein Angriff auf eine Person, der auf ihre Persönlichkeit, Fähigkeiten und ihr verzerrtes Selbstbild abziehlt. Begleitet wird der Diss meistens von einer eigenen Selbstverherrlichung im Verhältnis zum Angegriffenen.
Monkey Doing/ Monkeying
Eine von vornherein absurde Darstellung der eigenen Person, die besonders dem West Coast Hip Hop in den USA zugeschrieben wird. Ziel dieser Geste ist es, durch die schiere Kreativität der Behauptung der eigenen Größe Kontrahenten zu überbieten.
Trashtalk
Eine Geste, die sich nur scheinbar auf das Gesagte des Gegenüber bezieht. Einzelne Wörter – manchmal nur Verben – sind im Trashtalk Ausgangspunkt für teils weit hergeholte Beleidigungen. Sinn ist allein die prompte Gehässigkeit, die nichts mit Inhalten oder Aussage des Gegenüber zu tun hat.
Trolling
Im Schutz der Anonymität von Foren und Kommentarbereichen veröffentlichte Provokationen. Der „Troll“ greift Andere persönlich an und versucht über wiederholte Gehässigkeiten die konstruktive Diskussion eines Themas immer wieder unmöglich zu machen.
Tirade
Ein sich in die Länge ziehender Wortschwall, der dem Beschimpften deutlich macht, dass er nie das letzte Wort in der Auseinandersetzung haben wird.
Filibuster
Eine Ermüdungsrede, die sich mit einem Thema nur beschäftigt, um den letzten Punkt einer Auseinandersetzung zu vermeiden. Jeder Aspekt und jede Assoziation wird hierbei zu langen Ausführungen genutzt. Die Ermüdungsrede ist also eine Geste, die gerade durch Interesse an einem Thema eine Problemlösung verhindern möchte.
Flamewar
Eine Diskussion, die sich teilweise längst vom Originalthema entfernt hat, die jedoch immer wieder aufflammt. Meist geht es in einem Flamewar um die Uneinigkeit über ein Detail und die damit verbundene Kränkung selbsternannter Experten.
Treppenwitz
Eine Erwiderung, die schlagfertig gewesen wäre, hätte man sie im entscheidenden Moment geäußert. Der Treppenwitz ist somit eine Formulierung, die einem erst beim Verlassen der Gesellschaft auf der Treppe in den Sinn kommt. Eine Geste, die zu spät kommt.
Parodie
Der Versuch, die Art einer Person oder Institution zu imitieren. Hierdurch sollen die Überzeugungsstrategien gewisser Akteure gegen diese selbst gewendet und damit für eine Öffentlichkeit nachvollziehbar werden. Die Parodie ist also eine Geste gegen die Souveränität der Erscheinung.
Satire
Eine Geste, die sich gerade über Falschdarstellungen dem Charakter einer Person oder Institution nähert. Ziel ist die Kritik über Belustigungen, die auch Tabubrüche als Vehikel nutzt. Zynische gesellschaftliche Sachverhalte werden so durch Dekontextualisierung wieder mit Humor verbunden.
Parabel
Beschreibung eines alternativen Szenarios vergleichbar zum behandelten Sachverhalt, um andere von der eigenen Perspektive zu überzeugen. Der Vergleich der Parabel soll auf allgemeine Wahrheiten und wiederkehrende Konstellationen des menschlichen Zusammenlebens verweisen und fungiert somit als eine Geste der Weisheit.
Aphorismus
Der Versuch, persönliche Erkenntnisse in eine möglichst knappe Form zu bringen, die zudem noch rhetorisch oder poetisch reizvoll ist. Der Aphorismus muss ohne weitere Erklärungen allein stehend funktionieren. Um dies zu erreichen, sind seine Aussagen meist mit einer Geste der allgemeinen Gesetzesmäßigkeit verbunden und denken mögliche Widersprüche bereits mit.
Bekenntnis – Confessiones
Eine Schrift, die im klassischen katholischen Sinne die eigene Unzulänglichkeit beichtet und diesen Akt rhetorisch mit einem Neubekenntnis verbindet. Durch diese Selbstkritik und Demut sollen andere von Ernsthaftigkeit und theoretischer Strenge des eigenen Denkens überzeugt werden. Die Unzulänglichkeit wird somit in moralische Autorität umgemünzt, um damit eigene Überzeugungen missionieren zu können.
Traktat
Eine schriftliche Abhandlung zu einem abstrakten Thema, dessen Zweck jedoch nicht allein die Differenzierung, sondern auch die Überzeugung anderer von gewissen eigenen oder fremden Thesen ist. Das Traktat enthält somit ein Sendungsbewusstsein im Sinne einer in ihm enthaltenen Ideo-logie. Es ist eine Geste der Forderung und des Normativen.
Journalistische Texte
Gesten, die die adäquate Abbildung der Wirklichkeit und deren Bericht vorgeben und dies über handwerkliche Routinen zu garantieren suchen. Eine Polemik wird über ausgesuchte Fakten und Zahlen transportiert; die Meinung des Schreibenden wird als Konsequenz dieser dargestellt, und ein Eigenstil des Schreibers ist eher verpöhnt (siehe Handwerk) in Einzelfällen aber möglich. Die Überzeugungskraft dieser Textgeste liegt in der scheinbaren Nüchternheit und Objektivität begründet, die sich quasi wissenschaftlich gibt.
Pathic communication (Small Talk)
Kommunikation, die nur um der Kommunikation willen geschiet. Der Austausch von Informationen oder Argumenten steht hierbei nicht im Mittelpunkt und ist höchstens zufälliges Abfallprodukt.
Alles nur zur Inspiration und sehr unvollständig.
Es grüßt in die Runde,
The Pi.


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[...] Die destruktiven Gesten wurden von mir bereits in diesem Beitrag erörtert: “Online-Texte und rhetorische Gesten“. Konstruktive Ergänzungen in diesem exklusiven Sinne gerne in den Kommentaren. Dieser [...]
[...] sich hat sich als Netzrhetoriker inzwischen etwas verschoben: Sie ist nur eine Geste unter vielen (siehe hier). Ich glaube jedoch, dass die „Satire“ für viele – wie auch für mich früher [...]