Netzwerke und Anonymität


Warum brauchen wir eigentlich Anonymität? Ein kleiner Erklärungsversuch ohne Namedropping.

Das Internet war immer ein Netzwerk – jeder, der jetzt meint, diese Erkenntnis sei trivial, darf diesen Text gerne zuende lesen. Das Internet ist ein Netzwerk, nicht weil es all die Dinge verbindet. Nicht weil es Dinge der äußeren Welt einfängt, wie ein Fischernetz. Es ist ein Netz-werk, da in ihm nur das existiert, was bereit ist, ein Teil von ihm zu werden. Es ist eine Summe der einzelnen Knoten. Es ist die Summe der Orte. Niemand würde z.B. einer Homepage ihre Existenz im “Netz” streitig machen, nur weil sie nicht im Internet verlinkt und verbunden ist.

Das Internet ist inzwischen einfach ein weiterer Raum geworden, der schlicht Übersetzung verlangt. Die ‘ausweichende, netzartige Verbindung’ als definitorische Eigenschaft des Internets hat früher in den militärischen Anfängen ein mal gestimmt, ist aber überholt und führt das kritische Verständnis neuerer Internetphänomene eher in die Irre. Die Verbindung ist nur noch Potenzial.

Durch Soziale Netzwerke wurde inzwischen auch uns Menschen nahegelegt, eine Existenz im Netz zu haben. Nachdem die ersten Phantasien von Anonymität, Avataren und eines ‚Second Life’ im Netz ausgelebt waren, haben viele ihr reales Leben mit seinen realen Kontakten in den persönlichen Online-Knoten integriert. Die Freiheit des Anonymen wurde kaum wahrnehmbar und schleichend immer geringer, und es hielt das Charakteristikum des Sozialen Einzug: die Hierarchie des realen Lebens.

Diese Hierarchie wird in Sozialen Netzwerken nun manchmal in Zahlen messbar; sie kann sich darin äußern, was man sich traut veröffentlicht zu schreiben; sie kann ein Zugang zu gewissen Zirkeln und Kreisen sein; sie kann ein zur Schau getragener Reichtum an Luxus, Schönheit, Mobilität sein; sie kann auch nur der Name eines Philosophen sein, den man nicht gelesen hat und kennt. Warum genau erzähle ich das alles eigentlich?

Ich glaube der Fokus auf Verbindungen, auf Knoten und auf die tollen Möglichkeiten des Netzwerkes geht am Verständnis von Menschen vorbei. Das Soziale Netzwerk kennt keine Individualität außerhalb der hierarchischen Vernetzung mehr. Verbindungen werden zu Beschränkung, der virtuelle Knoten wird das Gegenteil von Emanzipation. Man kann sich dies als graduelle Verteilung vorstellen: Wer sich ernst nimmt im Netz und dies auch von anderen verlangt, ist wahrscheinlich auch im realen Leben gut gestellt und scheut die Transparenz nicht; die selbst gezeigte Transparenz wird hier zum Gradmesser. Gelebte Offenheit und die damit verbundene indirekte Einforderung, ihre unkritische Produktion durch Netz-Übersetzung ist eine neue Ideologie, an der sich die Geister scheiden.

Hier zwei extreme Gegenspieler dieses Offenheitsgedankens: Eine Organisation, die völlige Transparenz von ihren Mitglieder verlangt, ist Scientology. Sollte jemand aus der Sekte aussteigen, wird versucht, die gesellschaftliche Existenz mit all dem gesammelten Wissen über Verfehlungen und Schwächen zu zerstören. Als ein moderner Gegenspieler hat sich bezeichnenderweise „Anonymous“ herauskristallisiert. Das Kollektiv glaubt, die Ordnung dieser Welt nur außerhalb der Logik einer bürgerlichen Identität verändern zu können. Auch Unwissen kann Macht sein. Wir alle sind irgendwo zwischen diesen beiden Extremen unterwegs…

Vor Anonymous gab es natürlich schon andere anonyme, verteilte Netzwerke – die ich immer schon mal in einem Beitrag beleuchten wollte. Sie alle eint eine anti-hierarchische Geste. Der Begriff ‚Anonymous’ ist natürlich an allgemeiner Verständlichkeit nicht zu überbieten… :) Hier eine kleine und wahrscheinlich unvollständige Liste kollektiver Pseudonyme:

1811
Eine der ersten kollektiven Identitäten war wohl General Ludd (bzw. Ned Ludd, King Ludd, Captain Ludd) der aus der Maschinenstürmer-Bewegung zu Beginn der industriellen Revolution hervorging.

1934
Nicolas Bourbaki war ein französisches Autorenkollektiv, das gegen die herrschenden Lehre der Mathematik in Frankreich arbeitete.

1978
Monty Cantsin hat wohl vielfältige Ursprünge. Neben der Vervielfältigung von Kunstwerken sollte parallel auch eine Vervielfältigung von Künstlern möglich werden.

1985
Die Künstlerin Karen Eliot war ein Konstrukt, dessen Biographie allein das wachsende kollektive Werk sein sollte. Es wurde oft in der Bewegung des Neoismus verwendet werden.

1994
Luther Blisset ist eine sehr erfolgreiche italienische Erfindung. Geburtstunde ist wohl die lancierte Falschmeldung, er werde vermisst, nachdem er aufgebrochen war, um das Wort „ART“ per Fahrrad auf die italienische Landkarte zu malen. Mehrere populäre Publikationen gehen auf das Konto von Luther Blisset.

1994
Subcomandante Marcos war angeblicher Führer der Zapatisten in Mexiko und trat immer maskiert auf. Er gilt als kollektive Identität der Widerstandsbewegung.

 

 

Wie immer „work in progress“ und zur Inspiration,

Gehabt Euch wohl,
The Pi


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PS: Hier noch ein kleines Gedicht von meinem WMD-Kollegen Gonzo, auf das er mich hingewiesen hat – auch wenn es für mich eher ‘Underground’ und nicht ‘Anonyme Kollektive’ beschreibt. Er kann ja mal über Underground schreiben :) “Ausweis chen” – by Felipe Gonzo

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Ein Kommentar

  1. Erstellt am 15. Juli 2011 um 13:46 | Permanent-Link

    Habe noch das Kollektiv “Oulipo” (1960) für die Liste gefunden:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Oulipo

Ein Trackback

  1. Von Google- und Facebook-Staaten am 25. Januar 2012 um 19:54

    [...] es vorweg zu nehmen: Ich halte nichts von Transparenz. Ich halte sie wie Pi für eine bürgerliche Ideologie. Ich persönlich agiere nur unter Pseudonym im Netz und bin bis heute mit dieser Entscheidung sehr [...]

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