Neoliberale Kultur


Ich muss nun tatsächlich mal etwas zum Thema Urheberrecht sagen. Auch weil in der Debatte immer öfter anglo-amerikanische Missbildungen zu Tage treten, die der ungeschulte Geist nicht sieht. Da ist die FDP ein mal weg vom Fenster, und neoliberale Gedanken schlängeln sich unterschwellig durch so manchen Text. Traurig. Zu den Problemen der Rechteverwerterindustrie reicht eigentlich etwas Mainstream-Bildung:

“…die Fehlinvestitionen der Kulturindustrie [sind] erheblich und stürzen ihre jeweils durch neuere Techniken überholten Branchen in Krisen, die selten zum Besseren führen.”

Bereits in ihrem Résumé über die Kulturindustrie (1963) haben uns Horkheimer und Adorno also Krisen prognostiziert. Neu ist, dass gerade unser aller Staat per Gesetz und Strafverfolgung für Verlage und Großkonzerne das Internet zurückspulen soll. Ich frage mich: Braucht unsere Gesellschaft wirklich die Ökonomie für das Kulturschaffen? Eine kleine Erörterung…

Kulturindustrie

Betrachtet man das Kulturschaffen als betriebswirtschaftliches Unternehmen, so bedeutet es schlicht Unplanbarkeit: Welche der Kaufwerke für Konsumenten bedeutend und irgendwie wertvoll werden, ist oft absurd und relativ mysteriös. So sind populäre Produkte regelmäßig Flops und Ladenhüter. Und das sollte uns als Gesellschaft auch weiterhin erfreuen. Eine gesetzgeberische Verantwortung für die Existenz der Kulturindustrie zu übernehmen, entspricht keinem Gemeinwohl. Wir sollten uns im Gegenteil noch mehr dieser hilflosen Fehlinvestitionen wünschen – die durch “neuere Techniken“ auch vergrößert werden. Die Kreativen innerhalb des Systems sind hier nur feige Blätter.

Leider kann man im Spätkapitalismus selten mit dem Finger auf “die Bösen” zeigen: Das wäre sehr unterkomplex. Denn auch wir sind inzwischen Kulturwirtschafter – Selbstausbeutung inklusive.

Kultur- und Kreativwirtschaft

Der ehemals kritische Blick auf ‘Kultur als Wirtschaft’ hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Besonders die Erforschung einer ‘Kultur- und Kreativwirtschaft’ betont fast schon euphorisch die volkswirtschaftlichen Vorteile: All die kleinen kunsthandwerklichen Betriebe, Galerieläden, Friseurhandwerker, Modeschneider, Mikrolabels, Clubs, Magazine, Theater, jeder Wissensarbeiter, Designer, Text- und Code-Autor, und alle sonstigen Kreativen wurden als Vertreter einer arbeitintensiven Wachstumsbranche (hoch-)gelobt. Das erwähnte kultur-unternehmerische Risiko existiert natürlich weiterhin, verschiebt sich aber in Richtung der prekären Kultur- und Kreativarbeiter. Besonders auf großstädtischer Ebene – aber auch regional (siehe z.B. Strukturwandel im Ruhrgebiet) – wurden diese “innovativen Milieus” im Sinne der Wirtschaftsförderung untersucht und auch als Standortfaktor zur Freizeit-Belustigung globaler High Potentials ausgelotet. ‘Kultur’ wurde in dieser Betrachtung als ‘kommunikativer Austausch’ zu etwas diffus Produktivem. Unsere Gesellschaften brauchen demnach die Kulturschaffenden für ihre Volkswirtschaften. Ökonomie und Kultur sind vernetzter denn je. Aber wie steht es um die Be-Rechtigung dieses wichtigen, produktiven Milieus?

Kultur und ökonomische Logik

Die beschriebene kreativwirtschaftliche Situation mit mehr und mehr Erwerbsexistenzen ist ein sehr komplexes Ökosystem und reagiert auf die Diskussion um Veränderungen des bestehenden Urheberrechts nervös. Fakt ist, dass die digitale Reproduzierbarkeit von Produkten den Besitz eines lizenzierten “Originals” peu à peu entwertet hat. Selbstverständlich hat die Verwertungskulturindustrie nicht vor, sich als diffusen, kulturellen Fundus zu verstehen und will einzelne Teile als proprietär aus der produktiven Welt herausschneiden. Die Industrieverbände fordern vom Staat quasi ein rechtliches Risiko des Kulturgebrauchs. Eine exzessivere Strafverfolgung führt ihrer Meinung nach zu einem größeren Schutz von Künstlern und deren Auskommen.

Hier stehen sich industrielle Konzepte von Kulturgütern und die diffuse kulturelle Produktivität unserer Gesellschaft bisher unversöhnlich gegenüber. Leider haben auch die Gegenspieler der Verwertungsindustrie ihre Probleme mit Kunst und Kultur.

Die mündigen Netizen, die sich in der Diskussion um das Urheberrecht und seine Reform organisiert haben, sind sich ihrer grundgesetzlichen Freiheiten und Austausch-Rechte selbst bewusst. Sie haben durch die plumpe Lobbyarbeit der Industrie tatsächlich noch einen der Feinde gefunden, auf den man als “das Böse” mit dem Finger zeigen kann. Doch neben der berechtigten Kritik an Gesetzen allein zugunsten der Verwertungsindustrie rutschen ihre Kommentare gelegentlich gefährlich ins Neoliberale ab: Sie behaupten Kultur als etwas, das automatisch existiert, sich durchsetzt, weil die Idee die stärkere ist, stirbt, wenn sie nicht mehr zeitgeistgemäß ist, wenn sich der Aufwand persönlich nicht rentiert und sehen jedes Risiko allein beim Schaffenden. Kultur ganz unemotional als entfesselter Markt, nicht als Staatsauftrag und gesellschaftliche Verantwortung. Künstlerisch-kritische Tätigkeit lediglich als Hobby, nicht als harte Arbeit fähiger Personen. Alles überflüssige Strukturen, die sich in Freiheit selbst wegrationalisieren, eine sozialdarwinistische Evolution der Gesellschaft, der Sieg eines Denkens, dass sich nur in Funktionalität und Erfolg misst. Als Intellektueller erlaube ich mir diese dystopische Überspitzung. Wir sind ja hier auf ‘Was mit Denken‘…

Der Markt denkt nicht

Mir ganz persönlich macht die gelegentliche Gehässigkeit der technikaffinen Avantgarde, die die Kultur immer mehr als Crowdsourcing abwertet, wirklich sorge. Für so manche kritische oder künstlerische Tätigkeit braucht es definitiv Schutzräume, Bildung ohne Zweck, verlässliche Partner, gesellschaftliche Institutionen und nicht eine neoliberal erzwungene, individuelle Vollendung der Kulturindustrie, flankiert mit Hobbydenkern und Gelegenheitsintellektuellen aus einem Selbst-Schuld-Du-Idiot-Prekariat. Gewisse Qualitäten sind eben keine speicherbare Information, sondern etwas Performatives, Wissen, das nicht durch Markt- und Mehrheitsmeinung in dieser Welt gehalten wird. Dass dies selten mitgedacht wird… zeigt, dass diesen Gedanken niemand mehr braucht.

Über Künstler, Kulturschaffende und Geisteswissenschaftler wurde von Seiten der Ingenieure immer schon gerne gelacht. Ich mahne euch, liebe Freunde des technischen Fortschritts, dass euer Selbst-Streben nicht wohlfeil im Anti-Intellektualismus endet. Kulturschaffende gehen einer gesellschaftlich sehr ordentlichen und in den meisten Fällen prekären Arbeit nach, und nicht alles lässt sich durch Hobbykultur ersetzen und braucht tatsächlich Zeit und Solidarität. Dies ist kein Plädoyer gegen Reformen der Strukturen, sondern für mehr Respekt und Vertrauen in Zeiten des Übergangs.

Ich hoffe also, diese Debatte führt auch zu der Erkenntnis, dass das Schaffen etwas wert ist; und dass dies nicht durch den Markt festgestellt wird, sondern durch uns, die wir kulturellen Kopfarbeitern etwas gönnen.

Wir müssen leider weiter über Kulturpolitik nachdenken.

Gruß in die Runde,
Euer Felipe Gonzo


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PS.: Lasst uns gemeinsam Dart-Pfeile auf Margaret “Rambo” Thatcher werfen.
PSS.: Inzwischen äußern sich die Kulturschaffenden. Zum Beispiel hier. und hier und hier. Und ein konkreter Vorschlag für eine Vergütung digitaler Werke hier. Und eine Erläuterung zur Angst der Autoren.

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