Modernes Heldenvakuum

Ich schaue gerade Stefan Raab bei irgendeiner seiner Spielshows zu. Zur Begleitung der spielsportlichen Ereignisse auf dem Bildschirm trällert mir ein Sportkommentator süß bis begeistert etwas von dem “Mythos Raab” ins Ohr. Dieser “Raab” scheint laut Sender ProSieben wohl so etwas wie ein Held zu sein. Was kann er, was andere nicht können? Schauen wir zu ihm auf, da er ein Vordenker ist? Weil er viel Geld scheffelt? Weil er sich gut selbst vermarkten kann? Oder weil er diese Welt verändert und sich einmischt? Weil er eine Art Intellektueller ist? Mischen sich denn unsere Helden noch ein in diese Welt? Idealerweise schon.

Natürlich ist Stefan Raab hier nur ein Aufhänger. Zwei Artikel haben mich zu der Frage nach unseren Helden bewegt. Paul Liessmann fragt sich auf Spiegel Online, was ein “Intellektueller” oder eine “Intellektuelle” ist, und ob er/sie sich in diese Welt einmischen sollte, und Georg Seeßlen befragt auf der Freitag die religiös-kapitalistische Helden-Figur Steve Jobs. Letzterer ist nun wahrlich kein Intellektueller aber auch die eigentlichen “Intellektuellen” haben sich in letzter Zeit nicht mit Ruhm bekleckert. Prominente Beispiele sind immer wieder die französischen Intellektuellen, die durch ihre Nähe zur wirtschaftlichen und politischen Elite schon mal lauthals Kriegseinsätze befürworten oder gar fordern. Wie schäbig. Ich fasse für euch die Artikel als WMD-Service mal kurz zusammen:

Laut Georg Seeßlen kennt die Maschinerie des Kapitalismus vier Rollen: Den Erfinder (dem eine Problemlösung geglückt zu sein scheint), den Besitzer (der sie für die Mehrwert-Erzeugung einsetzt), den Maschinisten (der die Maschine zu behandeln weiß und ihr Funktionieren durch seine symbiotische Arbeit an ihr garantiert) und den Verkäufer (der ihr Ästhetik und Sinnwert gibt, sie in die öffentlichen Bilder und Narrative bringt und sie am Ende in der einen oder anderen Weise vermehrt). Personen, die mehrere dieser Rollen auf sich vereinen, würden laut Seeßlen immer seltener. Treffen doch ein mal vermeintlich mehrere dieser Eigenschaften auf einen Menschen zu, spinnt der ökonomisch dominierte Diskurs neue Unternehmer-/ Genie-Geschichten – wie z.B. jüngst bei uns Heiland Steve Jobs. Der Glaube, dass die Entwicklung unserer Welt ein von Menschenhand auf den Weg gebrachter Fortschritt ist, ist weiterhin essentiell für den modernen Kapitalismus und wird als “Große Erzählung” immer wieder von unsichtbarer Hand in unseren Medien nach oben gespült.

Der Intellektuelle erscheint im Vergleich zu dieser “konstruktiven Phantasie” eines Unternehmers wie ein Antiheld. Paul Liessmann fragt sich sogar, ob der Intellektuelle überhaupt in diese Welt eingreifen darf. Er ist damit Kritiker von Prominenten wie dem französischen Philosophen Bernard-Henri Levy, der Deutschland öffentlich zum Lybienkrieg aufgefordert hat. Liessmann macht in seinem Beitrag deutlich, dass es nicht ausreiche, allein ein Philosoph, ein Wissenschaftler oder Künstler zu sein, um einen Intellektuellen auszumachen. Man müsse all dies zusammen tun und berühren: forschen, philosophieren, dichten und außerdem künstlerische Praxis besitzen. Ein Spezialist kann für ihn anscheinend kein Intellektueller sein. Insbesondere müsse penibel eine Distanz zu den verführenden Akteuren der Ökonomie und Politik gewahrt werden. Denn erst die Übertragung von Wissen und Kompetenzen aus einem machtfremden Bereich, sprich die wirklich neue Perspektive, macht die eigentliche Stärke des Intellektuellen in einer Diskussion aus.

Vorbild ist der Intellektuelle für Liessmann gerade durch diese schwierige Distanz und die Zurückhaltung bei Verführungen durch Geld und Macht. Die allgegenwärtige Schwächung der Unabhängigkeit von Universitäten fördert seiner Meinung nach eine komische moralische Form der Intellektualität. Diese moralische Kompetenz, die in dieser komplexen Welt zwischen Gut und Böse, Opfern und Tätern unterscheiden soll, verbleibe leider das “einzig gültige Zeichen akzeptierter Intellektualität” in unseren Gesellschaften. Die reine “intellektuelle Analyse und Kritik der Gesellschaft” bräuchte tatsächlich unabhängige Sphären, die unsere Bildungslandschaften immer weniger bereithalten. Das zu den Artikeln.

Die Autoren skizzieren also zwei verschiedene Helden, Gegenspieler, zwei Idealtypen, und wie diese handeln: Den Einen, der als Kapitalist Ressourcen in seiner Hand akkumuliert, um etwas aufzubauen, das dem Kapitalismus oder ihm selbst – vielleicht sogar als Abfallprodukt zufällig auch anderen Menschen – die Möglichkeit und die Macht gibt, irgendwie mächtiger weiterzuhandeln in unserer Welt. Und denjenigen, der diese Macht als Verführung erkennt bzw. überhaupt intellektuell zu bemerken vermag und das vermeintliche “Handeln” der Menschen aus seiner fremden Perspektive heraus kritisch bewertet, da es diese Welt nicht ändert, sondern nur bestätigt.

Diese zwei Heldentypen nur als Denkanstoß – unterlegt mit Text-Fundstücken. Es gibt Leser, die diese Betrachtung möglicherweise langweilt, da sie ihr längst zustimmen. Aber mal etwas provokant gefragt: Wann habt ihr diese Zusammenhänge das letzte Mal jemandem in eurem Umfeld erklärt, anstatt z.B. Steve Jobs als Genie anzuhimmeln? Jeder erzählt die Geschichte, die zu ihm passt… ;)

Hinterher ist man immer klüger.
Es grüßt in die Runde,
Felipe Gonzo

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