Scheiß Wissenschaft!

Wissenschaftsbashing ist in. Bashing gegen die gesamte Wissenschaft? Nein. Nur ein kleines gallisches Dorf steht massiv unter Beschuss und muss sich der Truppen des Zeitgeists erwehren: Die Geisteswissenschaft. Die Frustration über die überspeziellen Themen, über die seltene Herstellung alltagstauglichen Wissens und über die sehr langsamen Formen, in denen Ergebnisse kommuniziert werden, scheint groß. Es mangelt in unserer Gesellschaft zumindest nicht an Gehässigkeit gegen den akademischen Betrieb bzw. den sogenannten „Elfenbeinturm“. Ein Riss geht durch die Akteure unserer Wissensgesellschaft. Kämpfen wir wirklich darum, was ‘Gutes Wissen’ ist? Oder sind wir einfach nur ungeduldig geworden?

Was wollen wir von Wissenschaft?

Die Einen wollen schnellen, billigen Wahrheitsinput, auf dessen Nützlichkeit man ganze Unternehmen gründen könnte, die Anderen sind in den Augen der Frustrierten wohl einfach nur kompliziert. Die Universitäten galten in unserer Kultur lange als die Hüter des ‘Fortschritts’. Dieser Gedanke der Moderne, dass Wissen aufeinander aufbaut, dass man weiterforscht, um dann irgendwann alles verstanden zu haben, sitzt noch tief in den Knochen der Menschen. Das, was für die Natur- und Ingenieurswissenschaft noch irgendwie funktioniert, stellt die Menschenwissenschaft (englisch: “humanities”) jedoch vor unlösbare Aufgaben. Die Phantasie einer kontrollierbaren Gesellschaft, die ewige Regeln hat, Menschen vorhersagbar macht, lässt uns regelmäßig scheitern. Aber was kann die Geisteswissenschaft leisten?

Knackige aber verlässliche, zeitlose Aussagen? Allgemeine Handlungsempfehlung, wie man in dieser menschlichen Welt erfolgreich ist? Am besten in der Kürze eines Tweets? Eine solche abstrakte Wahrheit grenzt oft an reine Metaphern mit starker technokratischer Esoterik, die diese Welt entweder als Maschine oder die Menschen als affektierte, dumme Tiere verstehen will. Es tut mir leid, wenn es für den unbedarften Leser jetzt etwas zu philosophisch wird, aber die Suche nach Regelmäßigkeiten in dieser Welt beinhaltet immer auch die Annahme, dass es diese Regelmäßigkeiten gibt. Diese Vorannahmen sind leider Teil allen Wissens. Nur weil wir diese Welt einfach haben wollen, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht kompliziert ist – um es mal in einem Tweet zu formulieren. ;)

Entscheidet euch selbst für eine Grundannahme

Alles kein Grund zur Sorge.  Wir sind uns dieser Vorannahmen ja bewusst und können damit umgehen. Um hier überraschenderweise mal nicht in einem Bashing-Reflex ‚gegen die Anderen’ zu enden, erkläre ich das nun knapp anhand der „Humanities“. Sprich: Welche Glaubensperspektiven und Grundannahmen kennen die Sozial- und Geisteswissenschaften? (für eine Abkürzung einfach zur nächsten Zwischenüberschrift springen)

Die Anthropologie glaubt zum Beispiel an menschliche Konstanten, die durch die lange Selektion der Erdgeschichte immer noch in uns schlummern. Unsere menschliche Qualität ist quasi das Ergebnis des erfolgreichen Sammeln und Jagens unserer buckeligen Vorfahren. Die Psychoanalyse ist hier recht ähnlich, da sie unsere sexuellen Triebe ebenfalls als ein solches Erbe in uns als Grundannahme braucht. Auch die Psychologie muss darauf bauen, dass die Phänomene, die sie beobachtet, einen Namen haben und dann auch tatsächlich eine Krankheit sind. Die Soziologie lebt geradezu von Gesellschaftstypen-Vorannahmen – sei es die Erlebnis-, Informations-, Wissens-, Netzwerk-, oder „Systemgesellschaft“. Die Sozialwissenschaftler tasten die Welt mit Zahlen ab und hoffen, dass diese Welt auch in Zahlen existiert. Die ‚Nüchterne Zahl’ ist hier nur ein Hinweis: Die Sozialwissenschaft muss letztlich an eine Objektivität ihrer Experimente glauben.

Und es geht weiter. Will mir hier keine Einfältigkeit vorwerfen lassen:

Die Semiotik glaubt daran, dass all die Zeichen unserer Welt ein bedeutsames Eigenleben, eine eigene Logik haben. Auch in der Philosophie wird bezweifelt, dass wir ohne Sprache überhaupt denken und erkennen können und trotzdem wird weiter versucht, etwas Treffendes zu formulieren. Sie muss also trotzdem an die Logik in der Sprache an sich glauben, denn sie hat keinen Beweis. Im Konstruktivismus wird an der Erkennbarkeit der Welt, im Radikalen Konstruktivismus sogar an der Existenz der Welt außerhalb unserer Gehirne gezweifelt. Alles ist ein Konstrukt aus dem Input unserer biologischen Sinnesorgane und kann immer falsch sein: Eine Grundannahme, die aus allem eine fiktive Kultur macht. Strukturen werden hier letztlich beliebig. Die Diskurstheorie à la Foucault muss diese Beliebigkeit ablehnen. Sie braucht die Annahme, dass der Mensch nie frei ist in dem, was er äußert. Selbst die kleinste Alltagspraktik wird in diesem Glauben zu einem machtdurchwirkten Moment.

[Hier wurde ein Abschnitt über die kulturwissenschaftlichen Disziplinen gelöscht. Leider. Aber es muss ja lesbar bleiben hier]

Als Beispiele sollen diese Perspektiven erst mal reichen. Jeder dieser Ansätze arbeitet mit Annahmen, um überhaupt arbeiten zu können. Der Wissenschaftslaie würde jetzt wohl fordern, dass wir aufhören, zu denken, wenn wir nichts Verlässliches liefern können. Ein Atomkraftwerk verhindern, da es auf unreflektierten Modellen beruht, wäre eine Alternative.

Was bleibt übrig?

Also mal grundsätzlich zum Mitschreiben: die Wahrheit ist tot. Es gibt keine Methode, keine Perspektive, die allgemeine Wahrheit produziert. Die Leistung der „Humanities“ liegt in der Differenzierung eines Phänomens und in der Sorgfalt im Zweifel an den eigenen Grundannahmen. Deshalb sind die Themen der Arbeiten – der „Output“ – auch immer so speziell: Wer als praktizierender Forscher seine Hypothesen und seinen Untersuchungsgegenstand nicht stark reduziert, schreibt bereits Geistesgeschichte.

Soll nun alles so bleiben, wie es ist? Nein. Ein zentraler Aspekt jeder wissenschaftlichen Arbeit ist die Plausibilität: Das eigene Vorgehen – und damit die Ergebnisse – müssen nachvollziehbar sein. Bisher wandte sich diese „Erklärung“ immer nur an ein Fachpublikum und war durchsetzt von Autorennennungen und Quellen, die nun wirklich kein Laie kennen kann. Das, was manchmal abfällig „Infotainment“ geschimpft wird, ist somit das Schicksal der Geisteswissenschaften. Allem Denken eine Nützlichkeitsperspektive überzustülpen nicht. Das sollen mal schön Andere machen.

Wir Geisteswissenschaftler schärfen unseren Blick. Als gute Wissenschaftler misstrauen wir ewigen Wahrheiten und Endlösungen und haben es gelernt, mit anderen Ansichten und Positionen umzugehen. Wir müssen nur noch etwas an unserer Praxis arbeiten. Dies wird jedoch immer so bleiben, denn nur Sorgfalt macht verantwortungsvolle Wissenschaft aus. Tut mir sorry, ihr Ungeduldigen.

Symbol der Kontrollphantasie. Aus dieser Schaltzentrale sollte einst die chilenische Wirtschaft geregelt werden. Bildquelle: kompliziert*

Wer sich eine aktuelle Gehässigkeit gegenüber Geisteswissenschaftlern anschauen möchte: hier. Die Kommentare sind eher langweilig, durchschnittlich bis reflexartig. Mein Kommentar wurde nicht veröffentlicht.

Gruß,
Felipe

Flattr this

*Habe mir das Bild hier geliehen. Hier der Wikipedia-Artikel zum Bild. Und ein deutscher Artikel zum Thema Kybernetik in Chile.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein. Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

4 Kommentare

  1. Erstellt am 28. September 2011 um 09:18 | Permanent-Link

    sehr sympathisch. was mir als altem ex-geisteswissenschaftler (dr. phil. habil) aber fehlt, ist der realistische blick auf die akademischen geisteswissenschaften-wie-sie-sind. wenn wir es mit gut debattierenden netzwerken zu tun hätten, die halt foucault, luhmann usw. usw. zugrunde legen und dann mit darauf aufbauenden ‘harte’ kollaborationen und ‘harte’ auseinandersetzungen mit immanent überprüfbaren bausteinen (propositionen, thesen …).

    aber so ist es ja nicht. leider stimmt die geiwi-kritik ja weitgehend, auch wenn sie von unsympathen vorgebracht wird, die selbst nichts anzubieten haben. wie kann man also geisteswissenschaften reformieren und umbauen? aus dem selbstzufriedenen trott reißen? keine ahnung. (ich bin 1999 emigriert.)

    • Erstellt am 28. September 2011 um 10:10 | Permanent-Link

      Ich wollte zunächst mal die engen Themen von geisteswissenschaftlichen Arbeiten auch als ‘Pragmatik’ nachvollziehbar machen: Wir sind auch nur Menschen, nicht alle Meisterdenker und abschließende Großtheorien irritieren uns inzwischen zu recht. Außerdem macht der Wunsch nach regelhafter Komplexitätsreduktion diese Welt nicht einfach: Wissen bleibt kompliziert.

      Das meine Hauptthesen. Die Konsequenz, die ich daraus für die Geisteswissenschaft ziehe: Wir haben ein Vermittlungsproblem, das breitere Debatten auch mit Laien in Spezialthemen unmöglich macht. Sich um leicht zugängliche Texte oder andere, schnellere Medienformen zu bemühen, wird an Universitäten nicht gefordert und gefördert. Es gibt ja noch nicht mal Hochschulpädagogik! Hochschullehrer sind alle – mal erfolgreiche, mal weniger erfolgreiche – Autodidakten.

      Ich stimme also zu: die Kritik an den Geiwi ist berechtigt. Wir müssen uns bewegen. Dies aber nicht unbedingt thematisch, sondern eher in unseren Formen und in unserer Praxis. Und – siehe Manifest – auch mit etwas weniger Autorität von oben herab. In einer Atmosphäre der Gehässigkeit, des Anti-Intellektualismus wünsche ich den Geisteswissenschaftlern also trotzdem mehr Gelassenheit im Umgang mit anderen Positionen und eine bessere Schreibe. Kann man üben. Gab’s auch schon mal. Nannte sich damals Rhetorik. ;)

      Die Debatten und Netzwerke innerhalb der Geiwi sind tatsächlich ein großes Thema. Ich sage nur Stichwort “Leitwissenschaft”. Da steckt doch immer noch der Gedanke eines Fortschritts drin. Welcher “Turn” ist der letzte.. und dominierende.. was ein doofes Spiel. Aber so wie ich das sehe, wird immerhin weiterhin Interdisziplinarität versucht (versucht). Wünschen wir ihnen viel Erfolg…

      Gruß ins Exil,
      Felipe

      • Erstellt am 28. September 2011 um 12:43 | Permanent-Link

        meine besten wünsche jedenfalls. was mich damals abschließend maßlos deprimierte, war die unfähigkeit sogar der kleinsten sonderinteresse-zirkel, _unter sich_ eine konstruktive debatte zusammenzubringen.

        es gab innerhalb der eigenen disziplin entweder abblocken (nur das territorium absteckende rezensionen von den 4,5 hanseln, die am selben thema forschten, aber sich um debatte und verstehen gegensätzlicher standpunkte gar nicht bemühten). oder eben mildes alles-gelten-lassen (“auch irgendwie hübsch. kann man schon auch machen.”). wobei diese milde nur ein vorwand war, sich um klare positionen herumzudrücken und ansonsten zum eigenen vorteil am eigenen schrebergartenzwerg-netzwerk zu stricken. es funktionierte also weder das positive noch das kritische feedback.

        vielleicht hat sich das ja geändert, keine ahnung. wenn, dann durch das web: das web ist die universität. es besetzt den raum, den man früher nur im umfeld von unis fand (aber normaler weise auch nicht an den lehrstühlen). anders herum: die universität der zukunft wird im web emergieren, oder sie wird nicht stattfinden.

        • Erstellt am 28. September 2011 um 14:21 | Permanent-Link

          Debatten fanden damals bei mir viel im Komilitonen-Freundeskreis statt. Ich hatte außerdem Glück, dass ich mit Ethnologie und Cultural Studies belehrt wurde.

          Wir werden bei Neuen Medien um ‘Teilnehmende Beobachtung’ nicht mehr herum kommen… so meine aus Pragmatik geborene methodische Position. Nur wenige im akademischen Betrieb beherrschen aber die Dichte Beschreibung ohne Namedropping und ohne die Autorität ihrer Disziplin.

          Wenn so mancher Student wenigstens den Unterschied zwischen Induktion und Deduktion kennen würde, wäre uns möglicherweise schon sehr bei einer besseren Debatte geholfen. Auch eine Neu- bzw. Altbesetzung des Empiriebegriffs ist schon lange meine Forderung. Der hat nämlich erst mal gar nichts mit Zahlen und Verdatung zu tun, sondern mit ‘Erfahrbarkeit’.

          Ich sehe das Web als Renaissance ‘Künstlerischer Forschung’, die sich die Welt über Praxis-Experimente erschließt. Bei schnelllebigen Phänomenen und Kommunikationsformen ein guter Weg. Und – nicht zu missachten – auch ein Weg der “Laien” in die Forschung.

          Habe mir gerade noch mal Deinen Kommentar unter dem msprO-Ding durchgelesen. Finde ich gut und nehme ihn aus der oberen flapsigen Beurteilung heraus. :)

          Das Bild des Netzes als ‘Labor-Maschine’ passt ganz gut – auch wenn die Assoziation einer “abgeschlossenen Laborsituation” natürlich etwas irreführend sein kann…

          (Ich glaube, ich überfordere gerade das gemischte Publikum auf dieser Seite… deshalb ende ich jetzt mal.)

          Fazit: Ich gebe Dir recht. Reine innerdisziplinäre Rangelei und nur der Maßstab “wissenschaftliches” Vorgehen bedeuten keine gesellschaftliche Relevanz. Es muss nach außen – oder noch besser: in den Räumen gesellschaftlicher Relevanz – kommuniziert werden.

          PS.: Natürlich brauchen auch junge Wissenschaftler Schonräume. Kein Mensch ist, und jeder hat ein Recht auf Werden. Jetzt aber Schluss :)

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>