Feminismus – aber bitte ohne Männer


Brauchen wir eigentlich den Feminismus noch? Ich meine ja. Als Bewegung, die uns die überholten Modelle von Frau und Mann regelmäßig vor den Latz haut, uns daran erinnert, dass Gleichberechtigung mit Gleichheit vor dem Gesetz noch nicht getan ist. Frauen sind in unserer Gesellschaft weiterhin von den Zuschreibungen der traditionell männlich dominierten Öffentlichkeiten abhängig. Ein Konsens mit patriachalen Strukturen – wie ihn der Feminismus oft ablehnt – führt hierbei regelmäßig zu freiwilligen Frauenquoten, die in der Praxis keine Effekte haben. Und doch behaupte ich, dass der Feminismus unmodern geworden ist.

Er wurde von einer klügeren Philosophie überholt, die der ganzen Welt – sprich auch Männern – Platz bietet: den Ideen, die wir auch in Deutschland mit der englischen Umschreibung “Gender Studies” belabeln. Diese sind strikt vom Feminismus zu trennen, auch wenn dieser aus diesem Fundus schöpft und personelle Überschneidungen nicht zu übersehen sind. Der Feminismus ist eine politische Bewegung, die sich der Sache einer Partei annimmt, um den Diskurs, der zwei ungleiche Parteien kennt, zu beeinflussen. Die Gender Studies hingegen lehren uns, dass wir biologisches Geschlecht (engl. “sex”) und gesellschaftlich konstruiertes Geschlecht (engl. “gender”) trennen müssen. Sie formulieren die Grundannahme, dass die vermeintlichen zwei Parteien nur deshalb unterschiedlich sind, weil wir dies als Eltern, Pädagogen und Gesellschaft reproduzieren und prägen. Das zur kurzen Begriffspräzisierung.

Letzteres ist eine wunderbare Philosophie. Sie trennt letztlich unser Dasein von körperlichem Schicksal und macht unseren Geist frei. Unabhängig von den zufälligen biologischen Gegebenheiten begegnen sich Menschen auf Augenhöhe. Ich empfehle diese philosophische Grundhaltung auch denjenigen, die der völligen Trennung von Körper und Geist vielleicht nicht anhängen, denn sie ist Basis für jede faire Auseinandersetzung.

Leider wäre der Diskurs über Männerbilder und Frauenbilder kein Diskurs (im foucaultschen Sinne), wenn er nicht diffus, schwer zu verorten und in unzähligen kleinen Alltagspraktiken verwoben und reproduziert würde. Der Diskurs ist stark und füllt auch schon mal Olympiastadien (siehe Mario Barth) aus tausenden von Gründen. Wir schöpfen anscheinend massiv unser Selbstvertrauen aus dem Verhältnis Männlein/ Weiblein. Was bietet uns der Feminismus zu diesem Thema, zu diesem Grundbedürfnis an?

Er fördert wohl das Selbstvertrauen von Menschen mit weiblichem Geschlecht. Leider existiert in ihm das Selbstbewusstsein von Menschen mit männlichem Geschlecht nur als Abziehbild. Fragt Euch ehrlich, ihr Feministen und Feministinnen: Wann habt ihr das letzte Mal einem Mann sein Selbstbewusstsein gegönnt? Wenn er weiß, was er will, keine Schwäche nach außen zeigt, gefestigt ist. Der Macho-Generalverdacht sagt viel über die Menschenfreundlichkeit von Feministen und Feministinnen aus. Ich rate hier dem Feminismus, Menschen mit männlichem Geschlecht ebenfalls eine selbstbewusste Position in ihrem mentalen Universum einzuräumen. Man könnte dies auch unter dem Thema ‘Würde’ behandeln.

Ich denke am Weltmännertag darf man auch mal den ordinärfeministischen Glauben bemängeln, nur “die Frau” werde über Zuschreibungen konstruiert, sei Opfer und “der Mann” sei immer frei und Frau der Lage seines Selbst. Die Frau etabliert den Mann und umgekehrt: Die Existenz beider Rollen ist nicht zu trennen. In einer solchen kommunikativen, kodeterminierten Rollenstabilität davon auszugehen, man könne eine Veränderung nur von einer Seite (der Seite der Frauen) aus initiieren, ist – freundlich ausgedrückt – sehr sehr hoffnungsvoll. Es reduziert zusätzlich eine Seite auf etwas, auf das man keine menschliche Rücksicht mehr nehmen brauch: 10.000 Years of Slavery und nun die Rache. Sehr reif. Alle Männer der Welt kaufen sich sicher noch heute aus purem Schuldgefühl Leine und Halsband und versuchen öffentlich, sich selbst jede Würde zu nehmen… So funktioniert diese Welt nicht. Formen von Männlichkeit werden auch in Zukunft eine gegenseitig akzeptierte Rolle brauchen. Der Feminismus setzt hier auf pure geistige Parallelgesellschaft, hermetisch abgeschlossen für Männliches. Reinheit in der “Postmoderne”? Ich frage mich, auf wessen Kosten…

Es geht nicht darum, den Spieß umzudrehen. (Ich hasse es, Autoritäten herbei zu zitieren, aber die Meinung eines Mannes wäre ja sonst nicht der Rede wert) “Vor allem muss man den Spieß kaputt machen.” Michel Foucault, 1972. Und genau deshalb bin ich froh, dass es die Gender Studies in ihrem akademischen Rahmen in Deutschland gibt – trotz der personellen und thematischen Überschneidungen mit dem Feminismus. Man kann letzterem nur die Entghettoisierung wünschen. Warum? Ganz einfach: Es wird auch “nach der Revolution” Menschen männlichen Geschlechts geben, die nicht schwul sind oder sich umoperieren lassen. Und sie werden – wie jeder Mensch auf vieler Götter Erde – nach Würdigung verlangen. Das mag jetzt mancher verbitterten Kämpferin nicht passen, die eine ernsthafte Kommunikation mit Männern in ihrer Umgebung aus konkreten, guten Gründen aufgegeben hat. Zur Logik gehört diese Überlegung jedoch dazu. Alles andere bleiben Ermächtigungsphantasien mit Spieß. Wählen sie ihre Waffen…

Hier zwei Fundstücke, die das aktuelle Spektrum zwischen ‘Exklusion von Männern’ und ‘Inklusion von Männern’ in die Bewegung des Feminismus aufspannen.

Beste Grüße,
Felipe Gonzo

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PS.: Und, Leute, ich möchte hier keine frauenfeindlichen Kommentare lesen, nur weil ihr eure Ehe- oder Exfrauen hasst oder eure Freundin euch auf der Nase herumtanzt, ist das klar? Eigentlich eignet sich dieser Artikel gar nicht zu Kommentaren.

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2 Kommentare

  1. Erstellt am 10. Januar 2012 um 11:19 | Permanent-Link

    Schöner Text, aber ich werde mich dazu nicht weiter äußern. Ich habe ja gestern etwas spaßig bei Twitter gemeint “Ich muss mir unbedingt mal grundsätzlich darüber Gedanken machen, über was ich mir Gedanken machen will.” und Feminismus/Gender und Co. gehört nicht dazu. Ich bin jedenfalls zu empfindsam um mich an der Debatte angemessen zu beteiligen. :)

    • Erstellt am 10. Januar 2012 um 12:37 | Permanent-Link

      Das ist sicher klug. Das Thema ist hoch-emotional und voller hoch-intellektueller Fettnäpfchen. Dieser Text war auch eher etwas einführend, aufklärerisch und gegen die Marginalisierung von nicht-schwulen Männern in der Gender-Debatte gemeint.

      Wie ich neulich auf Twitter meinte :) Einige bauen sich anscheinend nur ein neues Clubhaus. Ich persönlich nehme Feministinnen ihre Ernsthaftigkeit nicht ab, wenn sie nur an männerlosen Heterotopien basteln. (Irgendwie erinnert mich manches – z.B. im Sinne von theoretischer Strenge und Ausschlussmechanismen – an Guy Debord und die Situationisten vor über 50 Jahren…)

      Emanzipation ist immer auch Ermächtigung und Macht immer auch auf Kosten von anderen. Der plakative Begriff ‘Gleichberechtigung’ ist ein juristischer und kann die so komplexen Rollenkodeterminationen gar nicht fassen, geschweige denn regeln. Es geht um Kultivierung. auch mit Menschen mit männlichem Geschlecht. Der Feminismus wird hier sicher noch mal Vorreiter. Irgendwann. Zumindest wünsche ich mir das…

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