Brauchen wir mehr Blogforschung?

Auf welchem Stand ist eigentlich die heutige Wissenschaft? Kann vielleicht der klügste, meinetwegen auch der belesenste oder bestausgebildetste Wissenschaftler mal die Welt in drei Sätze fassen? Welchen Fortschritt macht die Wahrheitsproduktion gerade? Ich weiß, diese Fragen sind unfair, und doch will ich wissen, was uns Laien von den Berufsforschern eigentlich unterscheidet. Ein Monopol auf das Denken wäre zumindest nicht haltbar. Vielleicht können wir ja sogar helfen…

…denn die Methoden der Wissenschaft sind eigentlich recht simpel und von jedem zu erlernen. Und sollten wir nicht jeden Menschen unserer Gesellschaft dazu befähigen, neues Wissen zu schaffen? Im Großen und Ganzen ist das klassische wissenschaftliche Vorgehen nur eine vage Geste, ein vorläufiger Versuch, der in einem definierten Setting neuen Erkenntnissen eine Chance gibt, eine Mischung aus Konzept, Fokus und Experiment. Zu einer solchen Praxis im Kleinen ist jeder fähig, jeder kann sich einer Tätigkeit widmen und am Ende sein Fazit ziehen, denn nicht die hohe Bildung, sondern die Bildungsfähigkeit, eine ernsthafte Neugierde an sich macht erst den Wissenschaftler aus. Besonders unsere Blogkultur mit kostenlosen Orten des eigenen Schreibens und des eigenen Erkenntnisfortschritts scheint prädestiniert für eine viel breitere Community, die sich diesem Forschungsgedanken verpflichtet fühlt.

Ja, liebe gekränkte Besserwisser im Elfenbeinturm: Natürlich bedarf die Bewertung, ob die jeweiligen Ergebnisse neu und haltbar sind und ein gewisses erkenntniskritisches Niveau besitzen, weiterhin der Bildung und auch aufwändiger Recherche; aber ist die Übung des kritischen Denkens nicht schon ein Wert an sich? Nach den Forderungen des hiesigen Manifests muss das Denken endlich wieder Volkssport werden: Eine technokratische Arroganz wäre hier nur abstoßend hässlich und würde von einem verdorbenen Charakter blind vor Eigeninteresse und misanthropischer Selbstgefälligkeit des Wissenschaftsbetriebs zeugen – von dem tief verwurzelten Kulturpessimismus der vermeintlichen Eliten ganz zu schweigen. Wer wirklich so denken will, verlässt nun bitte diesen Text und kauft sich schnell ein Sarrazin-Buch… Kommen wir zum unterhaltsamen Teil dieses WMD-Beitrags:

Um hier nicht im luftleeren Raum (gibt es das Vakuum wirklich? ;) Kleiner Insider am Rande…) zu diskutieren: Ich habe mich in den letzten ca. 2 Jahren der Blogforschung verschrieben. Maßgabe war jeweils ein (a) Thema oder eine konzeptionelle Form, (b) ein begrenzter Zeitraum / Umfang des Experiments und (c) ein abschließendes Fazit.

So kam es unter anderem zu Wahrscheinlichkeitsforschung, zur Analyse der Mafia in deutschen Online-Medien, zur Reimforschung, zu Silbenforschung, zu Überlegungen über Weihnachtsgeschenke, zur Charakterkritik in Tweetform sowie einem komischen Experiment mit Zitaten. Auch der Geste “Satire” habe ich mich en détail gewidmet und versucht, ein paar Erkenntnisse zu gewinnen. Im Ticker für Gonzojournalismus gab es zumindest ein Zwischenfazit.

War nur ich allein für diese komischen Blogexperimente prädestiniert? Ich glaube kaum. Ich glaube, jeder hätte das so oder anders machen können. Wir müssen uns – ganz im Sinne der Aufklärung – selbst befähigen, neues Wissen zu schaffen. Der Geist des Forschens muss das Ghetto der Universitäten verlassen. Studieren wir selbst Aspekte des Lebens und kommentieren mit eigenen Perspektiven unsere Welt – wie mein WMD-Kollege bereits gefordert hat. Jede Geste der Neugierde ist legitim.

Ich persönlich will zumindest keine meiner bekannten und unbekannten Versuche (über 20) missen. Ich sehe mein Blog-Vorgehen außerdem als eine Art der vergessenen künstlerischen Forschung, die die zählende Wissenschaft Mitte des letzten Jahrhunderts beinahe ausgerottet hätte. Im Moment sind mir Blog und Twitter-Account zum Thema Netzrhetorik geblieben, ich beschäftige mich mit Mini-Narrativen anhand von Bild- und Wortbrüchen, phonetischen Ähnlichkeiten und Rhythmus sowie den monatlichen Themen des Kollektiv12 mit längeren Texten. Der alte Gonzochecker stirbt langsam und das halb bewusste, betrunkene Schreiben auf Drunken News ist leider weitestgehend eingeschlafen. Vielleicht wird es dort bald Zeit für ein neues, abschließendes Fazit… ;) .

Hauptsache wir kommen auch manchmal zu einem Ende – das ist wohl die abstrakteste und brauchbarste Lehre der wissenschaftlichen Haltung und des wissenschaftlichen Experiments in unserer Welt ewig neuer Anfänge.

Ich hoffe, ich konnte euch das Denken etwas öffnen,
traut euch was und bleibt mit eigenem Wissen frisch im Kopf,

Euer Felipe Gonzo


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